Wunder gibt es immer wieder

Wem kann man im Zeitalter von Fake News eigent­lich noch glau­ben? Im Mittelalter muss­te man Eideshelfer bei­brin­gen, um einen Sachverhalt zu beglau­bi­gen. Eigentlich kein schlech­tes Konzept

Nehmen wir doch zum Beispiel das Mysterium der unbe­merk­ten Schwangerschaft. Hat man schon oft gele­sen und als Nonsens abge­tan, bis es sich jüngst in mei­nem nähe­ren Umfeld ereig­ne­te. Und alle Beteiligten inklu­si­ve der frisch­ge­backe­nen Mama schwö­ren Stein und Bein, nichts bemerkt zu haben. Die Entbindung fand ganz klas­sisch im häus­li­chen Badezimmer statt. Die Kleine ist wohl­auf. Dass sie so ruhig und aus­ge­gli­chen hat, füh­ren ihre Verwandten nun dar­auf zurück, dass sie von Vorsorgeuntersuchungen und Ultraschall unbe­hel­ligt blieb.

Bei wei­tem die mei­sten bezeug­ten Wundererzählungen ken­ne ich jedoch von der makro­bio­ti­schen Enklave „Cuisine et Santé“ (http://www.cuisine-et-sante.com) am Fuße der Pyrenäen, 100 Kilometer süd­west­lich von Toulouse. Seit fast vier­zig Jahren kom­men Menschen aus aller Welt hier­hin, um sich makro­bio­tisch zu ernäh­ren. Die Makrobiotik, die (Ernährungs)Lehre vom lan­gen Leben, ist auf den Ausgleich von Yin und Yang bedacht. In zehn Tagen wird hier das Blut erneu­ert, nur mit der rich­ti­gen Kost. Morgens gibt es Reiscrème (frisch­ge­mah­le­ner Reis gekocht mit Wasser und ein wenig Salz), mit­tags und abends gibt es Reis oder ande­res Getreide, gekoch­tes Gemüse und stets Suppe.

Vegan geht auch

Ich esse gera­de mit und mein Körper stellt sich um. Kein Zucker, kein Kaffee, kei­ne tie­ri­schen Produkte. Er dankt es mir zunächst mit Kopfschmerzen, gefolgt von Nierenschmerzen und Magendrücken, aber sonst füh­le ich mich blen­dend. Franzosen, Spanier, Italiener, drei Chinesen ohne Kontrabass und zwei Kibbuzim-Bewohner aus Israel erzäh­len bei den Mahlzeiten, was die Makrobiotik alles kann und jeder weiß von jeman­dem zu berich­ten, der von einer oft­mals schwe­ren Krankheit geheilt wur­de. Dummerweise nei­gen Nichtschwerkranke zurück­ge­kehrt in hei­mi­sche Gefilde nach mehr oder weni­ger kur­zer Zeit zur Inkonsequenz. „Dieses Essen hier schmeckt mir, aber ande­res auch“, brach­te es die Israelin auf den Punkt.

Ich hal­te das hier locker durch und hof­fe ins­ge­heim, dass sich neben ein, zwei Pfunden auch mein Tinnitus sang- und klang­los ver­ab­schie­det. Das wäre mit­nich­ten ein Wunder, aber ange­nehm. Anders liegt der Fall bei Friedrich. Er gehört zu den 0,5 Prozent Kindern, die Epileptiker sind. Bis zu 80 Anfälle am Tag hat­te der Vierjährige, als sei­ne Großmutter vor sechs Jahren mit ihm zu „Cuisine et Santé“ fuhr. Dort bekam er alle 15 Minuten ein paar Tropfen Tamari und war nach der Kur vier Monate anfalls­frei. Friedrich ist wie­der da, er weiß, dass er nichts essen soll, was Yin ist, also eigent­lich kei­nen Apfel und erst recht kei­ne Birne. Wobei er das eigent­lich nicht so genau weiß, weil er alles ver­gisst, was kurz vor einem Anfall war. Gestern hat­te er sei­nen ersten Anfall hier. Er hat­te einen Ausflug in die kal­ten Berge gemacht und anschlie­ßend die Haare gewa­schen. Das war zu viel Yin für ihn.

Leben lernen

Von sei­nem Vater, einem Mediziner, erfah­re ich, dass Yin und Yang viel mehr ist als aus­ge­wo­ge­ne Ernährung. Die makro­bio­ti­sche Lehre, die man hier in täg­li­chen Konferenzen ein­ge­trich­tert erhält, gilt dem Wunder des gesun­den Lebens. Mit der Ernährung kratzt man erst an der Spitze des Eisbergs, aber für das eine oder ande­re Wunder reicht das schon. So sol­len z. B. Frauen mit uner­füll­tem Kinderwunsch nach einem Aufenthalt hier schwan­ger gewor­den sein. Das neh­men die Anhänger der makro­bio­ti­schen Lehre jeden­falls auf ihren Eid.

Foto: Copyright Susan Tuchel