R wie „Respektrente“

Respekt, verehrte Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), dass „Respektrente“ zum Wort des Jahres 2019 gekürt wurde.

Respekt kommt vom latei­ni­schen Verb „respi­ce­re“. Aus dem wört­li­chen „zurück­se­hen“ wur­de im über­tra­gen­den Sinn die Rücksicht. Zwangsläufig schaut man am Ende eines Arbeitslebens zurück und vie­le wun­dern sich, dass so wenig für den Lebensabend übrig bleibt. Das hat auch damit zu tun, dass auf­grund der stei­gen­den Lebenserwartung aus dem wohl­ver­dien­ten Lebensabend ein kosten­in­ten­si­ver Lebensnachmittag gewor­den ist. Die Wortneuschöpfung „Lebensnachmittag“ wer­fe ich hier­mit offi­zi­ell in den Ring der Wörter, die den Nerv des Jahres 2020 tref­fen könn­ten, um die rein ren­ten­tech­nisch gese­hen zu lan­ge wäh­ren­de Zeitspanne zwi­schen Renteneintritt und Ableben poe­ti­scher aus­zu­drücken.

Wir for­dern immer dann eine Rück-sicht, wenn etwas nicht so rund läuft. Warum der Blick zurück? Weil frü­her alles bes­ser war. Die Polizei Dortmund dreh­te ein Video, um ihren Einsatzkräften mehr Respekt zu ver­schaf­fen. Feuerwehrleute aus Bayern star­te­ten eine Kampagne „Respekt, Ja bit­te!“, um Gewalt gegen Rettungskräfte zu ver­hin­dern. Auch Verarztende (gen­der­kor­rek­te Form für Ärztinnen und Ärzte) und Pflegepersonal möch­ten nicht von ihren Patienten und deren Angehörigen ange­grif­fen wer­den bei der Ausübung ihrer Tätigkeit, auch sie for­dern mehr Respekt. Vor dem Alter hat ohne­hin schon lan­ge nie­mand mehr so rich­tig Respekt. Das könn­te sich mit der Entscheidung der GfdS-Jury womög­lich ändern. Politisch han­delt es sich aber wohl eher um ein Verbal-Sedativ, eine Wortneuschöpfung des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil, emp­foh­len von Ärzten und Apothekern für die Generation der Babyboomer.

In der Jury hät­te ich für „Schaulästige“ votiert, weil es als Neologismus krea­ti­ver ist. Leider schaff­ten es die „Schaulästigen“ nur auf Platz 4. Das Wort „Rollerchaos“ hat zwar viel mit mei­nem Umfeld zu tun, aber auf Platz 2 hät­te ich es den­noch nicht gesetzt. Einverstanden bin ich damit, dass die „Oligarchennichte“ auf Platz 9 des Rankings lan­de­te. Wir soll­ten die­ses Kompositum ruhig den Österreichern und ihrer Sprachpflege über­las­sen.

V wie Verschissmus

Sprache ist auf­re­gend und schön. Sie wan­delt sich stets und neue Wörter ver­än­dern die Wahrnehmung der Welt. Das kann aller­dings auch nach hin­ten los­ge­hen, wie im Fall des Kranzes, mit dem die SPD Mülheim am Volkstrauertag der Opfer von Krieg und Faschismus geden­ken woll­te. Durch mensch­li­ches Versagen stand auf der Trauerschleife zu lesen: Den Opfern von Krieg und Verschissmus. Wobei ich das Wort an sich gar nicht ein­mal so übel fin­de. Es drückt womög­lich die Angst des­sen aus, der die­sen Auftrag ent­ge­gen­ge­nom­men hat, ver­schis­sen zu haben, wenn er einen Fehler macht. Wir soll­ten uns der Opferperspektive des Kranzproduzenten nicht völ­lig ver­schlie­ßen.

Geholfen hät­te u. U. das Buchstabier-Alphabet, das aber gera­de in Verruf gera­ten ist, weil wir immer noch A wie Anton, D wie Dora und N wie Nordpol sagen wie anno 1934. V wie Viktor klingt am Telefon pho­ne­tisch anders als F wie Friedrich, vor­aus­ge­setzt der Telefonierende am Ende der Leitung weiß, wie man Viktor und Friedrich schreibt. Vielleicht sind es aber auch ein­fach die fal­schen Vornamen. Schlüge ich an die­ser Stelle vor, A wie Ahmed zu buch­sta­bie­ren, hät­te ich echt Angst vor Verschissmus.