Türchen auf – Lust an

Die Challenge im Advent. Ankommen möchten alle, am liebsten aber bei sich selbst.

Darauf waren, dass jemand ankommt (adven­tus aus dem Lateinischen bedeu­tet Ankunft) und das auch noch 24 Tage lang, dazu braucht es heu­te mehr als einen Adventskalender mit bun­ten Bildchen oder Schokolade. Erst recht, nach­dem 2012 Spuren von Mineralöl in eini­gen Adventskalenderschokoladen gefun­den wur­den – Grüße aus dem Morgenland, die recht ent­fernt an Gold, Weihrauch und Myrrhe erin­nern.

Geradezu aus der Zeit gefal­len erscheint der Eintrag zum Adventskalender bei Wikipedia: „Im deutsch­spra­chi­gen Raum haben vor allem Kinder einen Adventskalender.“ Denn mitt­ler­wei­le gibt es eine sol­che Flut von Adventskalendern, übri­gens eine zutiefst luthe­risch-deut­sche Tradition des 19. Jahrhunderts, dass man die­se schon nach den Zielgruppen Männer, Frauen, Paare, Teenager, Kinder, Kleinkinder und Familien sor­tie­ren muss, um über­haupt einen Überblick zu bekom­men. Männer kön­nen sich die Zeit bis zum Heiligen Abend mit Bartpflegeprodukten, Gin, Whiskey, Bier und Knabbersachen, Fitness- und Hanfartikeln, aber auch mit Werkzeugen und Profi-Tools ver­trei­ben, ori­gi­nell ist der Bau einer Retro-Kamera oder eines Retro-Radios. Frauen fin­den hin­ter 24 Türchen Beautyprodukte, Interior-Design, Nähutensilien, Mandalas und Achtsamkeitstipps. Wer mit den weib­li­chen Rollenbildern der letz­ten Jahrhunderte nichts anfan­gen kann, für den emp­fiehlt sich der kra­wal­li­ge Adventskalender „Am Arsch vor­bei geht auch ein Weg“.

Jüngere Menschen kön­nen die Wartezeit auf die Weihnachtstage zu einer Mutprobe umfunk­tio­nie­ren. Der Schauspieler Jannik Schümann hat eine wei­te­re Adventschallenge ein­ge­führt: Es wer­den kei­ne Eiskübel über den Köpfen aus­ge­kippt, dafür 24 Aufgaben gestellt, die jeder aus dem Freundeskreis erle­di­gen soll. Das gan­ze läuft über eine WhatsApp-Gruppe. Darunter gibt es auch Aufgaben wie in Hundekot tre­ten oder einen Tag lang eine Hose falsch­her­um­tra­gen. Eine Challenge wird das auf jeden Fall für die­ses Start-Up, denn die Ideen sind kei­nes­wegs kosten­gün­stig.

Wartezeit von intim bis politisch

Ebenfalls auf die Vertiefung zwi­schen­mensch­li­cher Kontakte set­zen die Adventskalender von „Amorelie“. Mit ihnen kön­nen es sich Paare 24 Tage lang so rich­tig nett machen, mit einem fern­ge­steu­er­ten Vibrationsei für Paarspiele und Penisringen, die Luxury-Edition besticht durch einen Premium-Masturbator mit Wärmeeffekt. Und weil auch Singles mit sich selbst eine freud­vol­le Zeit haben sol­len, gibt es für sie eine Edition mit Beauty-Highlights und Lovetoys.

Adventskalender wur­den zum Glück bis­lang noch nicht als Medium poli­ti­scher Gesinnungen wie­der­ent­deckt. An histo­ri­schen Beispielen dafür fehlt es näm­lich nicht. Während der NS-Zeit erfreu­te sich der Kalender „Vorweihnachten“ gro­ßer Beliebtheit mit einer Auswahl von Märchen und natio­nal­so­zia­li­sti­schen Weihnachtsliedern sowie Bauanleitungen für höl­zer­ne Baumdekorationen in Form von Runen und Sonnenrädern. Und das Ganze für nur eine Reichsmark.